Donnerstag, 17. Februar 2011

Alles hat ein Ende ...

Wir haben Mitte Februar und ein Semester geht vorbei; es ist das erste Semester, das ich in meinem Leben als Studentin absolvierte, mein erstes Semester an der Philipps-Universität Marburg.
Dass die Ferien nicht mehr weit von uns entfernt sind, ist beinahe überall bemerkbar: die Hörsäle leeren sich, in der Mensa findet man sofort einen Platz, nur vereinzelt strömen Studenten in die Biegenstraße oder von der Phil-Fak zur Mensa. Und während sich alles langsam auf die Ferien vorbereitet oder schon zu Hause sitzt und den angeblich fehlenden Schlaf von vier Monaten nachholt, nutze ich die Zeit, um dieses erste Semester ein wenig Revue passieren zu lassen.

Mensaimpressionen
Wenn ich an den Beginn meines Studiums im Oktober denke, fällt mir sofort die Orientierungswoche ein, genau so Klopapierwettrennen, Gordische Knoten am Marktplatz und das Weidenhäuser Entenrennen, bei dem unsere Marge noch immer als heimliche Siegerin auf ihre Ehrung wartet. 
Mittlerweile weiß ich, was man in der Mensa essen kann, und was man sich lieber nicht aufs Tablett laden sollte; ich weiß, wie lang ein Weg zur BIB im Schnee und auf vereisten Wegen sein kann und wie ich wissenschaftlich korrekt zitiere. 

Man mag denken, dass sich bestimmte Dinge verändern, dass sich eine gewisse Routine in den Unialltag einschleicht und dass man recht leicht vom nervösen Erstsemester zum lässigen Zweitsemester wird. Doch ein bisschen betrübt stelle ich fest, dass sich zumindest die Erstellung eines Stundenplans auch mit dem Wissen eines gesamten Erstsemesters als noch immer schwierig erstellt.

Marburg im Oktober: Marge im Dreck 
Abgesehen von dieser Kleinigkeit, kann ich jedoch behaupten, dass mein Studium der Vergleichenden Kultur- und Religionswissenschaft keine weiteren Tücken bereit hielt; ganz entspannt und Erstigerecht verlief das erste Semester, und mit jedem weiteren Seminar, das ich besucht habe, haben sich mir neue Horizonte erschlossen.  
Das klingt beinahe wie der verliebte Eintrag im Tagebuch einer Elfjährigen, und doch kann ich es einfach so behaupten. Mein Studium beinhaltet tatsächlich wenig Hindernisse, dafür umso mehr Überraschungen, - im Prinzip so, wie man es sich wünscht. 

Recht euphemistisch und wohl gestimmt, verlasse ich also meinen Posten des Erstsemesters. Doch bevor dies geschieht, bevor ich mich in die Ferien begebe und zum Zweitsemester werde, steht noch eine Exkursion nach Spanien an ...  

Donnerstag, 10. Februar 2011

Ein Foto-Guck-Erzähl-Abend


Was den Medizinern das PJ ist, ist den Ethnologen das „Feld“. In einem Studiengang, der auf Geschichte aufbaut, eine praktische Ebene zu fassen, scheint manchen – gerade in Verbindung mit dem Wort Ethnologie oder Völkerkunde – befremdlich. Doch das „Feld“ verknüpft Theorie und Praxis, Vorstellung und Wirklichkeit, und die sollte man nie voneinander zu trennen versuchen.

Einen Artikel über das Wesen der Feldforschung habe ich bereits vor einigen Wochen verfasst. Warum also schon wieder dieser Begriff, diese fabelhafte Erzählung von diesem „Feld“?

Was die Ethnologie kann, was die Anthropologie vermag, und wohin sie uns führen können, bewies die gestrige Veranstaltung in der Europäischen Ethnologie: ein Foto-Guck-Erzähl-Abend wurde gehalten, bei dem zwei Ethnologen / Kultur- und Sozialanthropologen bzw. Religionswissenschaftler vom Einsatz in ihrem persönlichen „Feld“ berichteten: Stéphan Voell zeigte Bilder aus Georgien, berichtete von den dort ansässigen Swanen und seiner Forschung zum Thema „Traditionelles Recht“. Im zweiten Teil des Abends erzählte Leyla Jagiella von ihren Reisen nach Indien, ihren Aufenthalten in Delhi und dem Wohnen in einem Hijra-Haus. 

Dass diese Art des wissenschaftlichen Vortrages eine gewisse familiäre Atmosphäre beinhaltete, zeigt nicht nur der Name; etwa drei Stunden lang, bei Kuchen und Apfelsaft, wurde viel erzählt, gefragt, gelacht und gestaunt. Denn ein längerer Aufenthalt in Ländern wie Georgien oder Indien lebt ganz besonders von der Begegnung mit der fremden Kultur, von Geschichten und Begebenheiten, die mal lustig, mal traurig, mal anstrengend, aber immer spannend sind. 

In einem Studium, in dem vieles ungewiss erscheint, war dieser Abend auch für Erstsemester eine willkommene Veranstaltung, da etwaige Antworten auf die Frage "Wo gehst du hin?" oder "Weshalb Ethnologie?" geliefert wurden. 
Ich denke, für viele sprechen zu können, wenn ich behaupte, dass ein derartiger Foto-Guck-Erzähl-Abend durchaus und gerne eine gewisse Regelmäßigkeit erhalten darf.

Freitag, 4. Februar 2011

Bitte lächeln Sie nicht

Trauriger Datenschutz

Das Studium an sich ist ein relativ großer Schritt; zur Eigenständigkeit, zur Wissenheit und – an manchen Tagen – auch zur Ratlosigkeit. Bereits nach wenigen Monaten sind wir sensibilisiert genug,  um dem Tatgegenstand unseres Studienfaches tagtäglich zu begegnen. Überall, wo wir hingehen, beobachten wir viel genauer; die unsichtbar gesponnenen Fäden der Alltagsanthropologie werden mit einem Male sichtbar, als hätten wir einen Indikator über unserer Welt ausgeschüttet und schon leuchtet alles Bemerkenswerte in einem grellen Pink oder Violett auf.

So zum Beispiel, als ich mich schließlich – als weiteren Schritt zur Unabhängigkeit – nach Marburg ummelden will. Dies tut man am besten im Stadtbüro, das auf den ersten Blick ein feiner Ort ist. Freundlich und hilfsbereit begegnet man uns am Empfang, wir erhalten Papier und Stift und ziehen schließlich ein Nümmerchen, das unsere Position in der Warteschleife markiert.

Es dauert nicht lange und schon leuchten die Nummern 339 und 340 auf. Und ab diesem Punkt ist mein Besuch von ernüchterndem Bürokratismus geprägt. Ich nehme gegenüber einer Dame Platz und erkläre ihr mein Anliegen; ich möchte mich ummelden. Und da geht es auch schon los:  
Ich sei zu spät. 
Aber ich wohne doch immer noch hier!?
Man schenkt mir einen Blick, als wäre ich schwer einzuschätzen, ein Kind mit unterdrückten Aggressionen. Ich schaue nach links; meine Begleitung, die sich am Nebentisch ummelden lässt, scheint in ein gemütliches Gespräch verwickelt. Ich höre sie lachen.
Ob ich vorhätte, länger zu studieren? 
Nun ja. Ja! Aber eben nicht länger als nötig, - wer kann eine derartige Aussage schon im ersten Semester treffen? Ich bin verwirrt. Die Dame mir gegenüber runzelt die Stirn und schreibt flink etwas auf Papier, so, als wären wir nicht im Stadtbüro, sondern in einem Assestment Center. 
Ich selbst druckse ein bisschen herum, die Dame schiebt mir Formulare zu, die ich ausfülle. Schließlich erhalte ich Gutscheine fürs Kino und fürs Schwimmbad, auf denen groß: In Marburg @ home steht. Es ist offiziell, aber wenig herzlich. 
Ich bin also umgemeldet; wohne nun ganz wirklich in Marburg. Mein Anliegen im Stadtbüro geht jedoch in die zweite Runde, denn ich brauche einen neuen Personalausweis, so einen mit Chip. 
Die Dame nickt, während sie ganz geschäftig Papiere ordnet und auf ihrem Computer hin- und herklickt.  

Um meinen Personalausweis zu erneuern, benötige ich Passfotos. Ob ich die hätte? Ja, aber natürlich, schließlich habe ich mich doch auf diesen Besuch vorbereitet. Ich krame in meiner Tasche und serviere eine Viererreihe von Bildern, die mich in recht gleichgültiger Stimmung zeigen.
Die Dame mustert meine Fotos.
„Ihr Kopf ist zu klein“, sagt sie.
Ich reagiere mit ungespielter Ungläubigkeit. „Mein Kopf ist zu klein?“ Immerhin; für einen Geisteswissenschaftler ist eine derartige Aussage beinahe eine Beleidigung. 
Da, - schon wieder dieser Blick. Sie ordnet meine Unterlagen, schiebt sie zur Seite und sieht mich an wie eine Kioskverkäuferin, die einem Erstklässler erklärt, dass man sich mit 3 Cent in der Tasche keine Colakracher kaufen kann. Ätsch.
„Unten haben wir einen Passbildautomaten; da können Sie neue Bilder machen.“ Der Fall ist erledigt. Ich habe keine andere Wahl. Im Stadtbüro entscheiden höhere Instanzen.

Verwirrt erhebe ich mich, während schon die nächste rote Nummer aufblinkt und ein anderer Mensch an ihren Tisch schreitet. Ein bisschen wütend über die Dame, ein bisschen wütend über meinen kleinen Kopf gehe ich unschlüssig zu besagtem Automaten. Dort werde ich noch wütender. 6 Euro kostet der ganze Spaß. Dafür muss ich meine Brille absetzen, und lustig wird es auch nicht. „Bitte lächeln Sie nicht“, sagt die Automatenstimme und ich frage mich, ob dies ein Befehl ist, der im ganzen Stadtbüro gilt. Eine Antwort auf diese Frage werde ich nicht bekommen; und blicke mit Maulwurfaugen in die Kamera.
Meine deutsche Identität ist teuer, blind und bitter.

Schließlich kehre ich zurück zu der Dame. Es ist halb sechs, in einer halben Stunde schließt das Stadtbüro, aber es sind noch viel mehr Menschen hier als vor fünf Minuten. Ich ziehe wieder eine Karte und beobachte mein Umfeld. Die meisten Menschen sehen müde aus, viele haben ihren Kopf auf ihren Schultern abgelegt, so als würde er tatsächlich zu klein und zu schwer sein, als dass man ihn obenauf trägt. Einige schlafen. 
Um 17:40 Uhr komme ich endlich an die Reihe und es scheint, als hätten sich in meiner Abwesenheit die Wogen geglättet; die Dame lächelt mir zu. 

In einer beachtlichen Geschwindigkeit wird der Antrag um meine Person abgewickelt; ich zeige die Fotos, die der Automat von mir gemacht hat, und die Dame nickt. Mein Kopf ist also groß genug, - es ist alles eine Frage der Darstellung. 
Ob ich meine Fingerabdrücke abgeben will? Ich zögere. Ob es mich auch etwas kostet? Die Dame schüttelt den Kopf. Fingerabdrücke doch nicht. Ich weigere mich trotzdem, man weiß ja nie.

Bevor ich mich erhebe und die Welt des Lächelns betrete, werde ich noch über die Möglichkeiten des Online-Personalausweises aufgeklärt; denn schon bald kann ich meinen Personalausweis dazu nutzen, virtuelle Orte aufzusuchen, und mich frei im Web bewegen.
Ich stutze. Seit wann muss ich mich im Internet ausweisen? Ich fühle mich wie der Hauptmann von Köpenick, aber eine Uniform hilft mir im Stadtbüro auch nicht weiter. 
Ich resigniere. 
Die Dame nickt mir zu. 
Ich kann gehen. 

Donnerstag, 27. Januar 2011

Zweifel und Gewissheit

Höret und staunet: Abiturienten im Hörsaal 11
Das erste Semester ist beinahe vorbei; ab und an scheint sogar die Sonne in Marburg und vollkommen optimistisch spekulieren wir, wie wohl der Sommer in dieser zauberhaften Stadt sein wird. Den Prüfungsstress, mit dem sich andere Studiengänge herum schlagen, können wir beinahe nicht nachvollziehen, so überschaubar ist die Anzahl von Klausuren; Ende Februar geht es für einige Kommilitoninnen und mich nach Spanien, - es klingt nicht nur so, es ist auch so: ich studiere genau das Richtige. 

Dass das nicht alle so sehen, die mit mir das Studium im Oktober begonnen, wird in den Seminaren und Vorlesungen deutlich; es mag am Semesterende liegen, aber auch an der Tatsache, dass viele persönliche Vorstellungen auf beiden Seiten nicht erfüllt werden konnten. Fluktuation gibt es in jedem Studiengang, und doch finde ich mich in fast kindlichem Staunen wider, sobald ich höre, dass ein weiterer Kommilitone nicht mehr dabei ist. Genau so wächst jedoch auch die Überzeugung derjenigen, die noch mit im Boot sitzen, denn sie wissen, dass dieser Studiengang, diese Stadt und diese Möglichkeit etwas ganz Besonderes darstellen.  
Um diese frohe Botschaft hinaus zu tragen, fanden gestern und heute die Tage der offenen Universität statt; im Rahmen dieser Veranstaltung nutzte auch unser beschaulicher Studiengang die Möglichkeit, sich einer breiteren, wissbegierigen Menge von Abiturienten zu präsentieren. 

Starthilfe in der unbekannten Hochschulwelt: Hörsaalkritzelei
Fast zwei Stunden wurden benötigt, um dem Studiengang der Vergleichenden Kultur- und Religionswissenschaft gerecht zu werden, und auch für uns, die wir nun schon mitten in der Materie stecken, war es schön, mit anzusehen, welche Freiheiten wir in unserer Fächerwahl genießen, wohin uns unsere Wahlpflichtmodule oder Lehrforschungsprojekte noch bringen werden und welche Wege wir einschlagen können. 

Sicherlich – die berühmt berüchtigte Frage nach der Berufswahl konnte, wie immer, nicht eindeutig geklärt werden; zu vielseitig sind die Möglichkeiten, zu einseitig die Fragestellung. Und doch: sowohl auf den Gesichtern der Fragenden, als auch auf denen der Antwortenden oder der teilnehmenden Beobachter legte sich Zufriedenheit; gekoppelt mit der Gewissheit, genau das Richtige zu studieren. 

Freitag, 21. Januar 2011

Nachts. Auf den Lahn-Bergen

- Chemie ist, wenn es knallt und pufft

Würde man Studiengänge wie Spielfilme in einer TV-Programmzeitung auflisten und sie in den Kategorien Humor, Romantik oder Thriller beurteilen, würde der Studiengang der Vergleichenden Kultur- und Religionswissenschaft sicherlich nicht schlecht abschneiden; dass es bei uns lustig ist, ist keine Frage, romantisch ist der Gedanke an Feldforschung und einem Thriller gleich mag die Jobsuche nach einem abgeschlossenen Ethnologiestudium sein. Doch es gibt einen Bereich, den das Fach Chemie – zumindest am gestrigen Abend – besser abdeckt: Action.

So sieht es aus, wenn Chemiker nicht schlafen gehen
Von meinen Mitbewohnern überredet und mit Pizza bestochen, sause ich um kurz nach Acht auf die Lahnberge, um ein wenig Action zu erleben. Die lange Nacht der Chemie findet statt und im Jahr der Chemie kann man sich derartigen Veranstaltungen wohl kaum entziehen.
Es ist das erste Mal, dass ich auf den Lahnbergen bin; es ist dunkel und kalt und Philipps Schloss, das mir wie ein Kompass zur Orientierung dient, ist weg bzw. nicht sichtbar. Eine gute Mensa soll es auf den Lahnbergen geben, aber damit kann man mich gerade nicht locken. Bin ich noch in Marburg?

Auf dem Parkplatz angekommen, sieht es nicht so aus, als ob dieser Ort Leben vorsieht; es ist leer und verirrte Neonlampen leuchten uns den Weg zu grauen Gebäudekomplexen. Einen Preis hat die Chemie angeblich bereits erhalten, für ihre klare, strikte und brutale architektonische Besonderheit. Ich bin skeptisch.  
In einer verqueren Odyssee hasten wir durch das Treppenhaus, nehmen drei Schritte auf einmal und mir bleibt kaum Zeit, den Ort, an dem wir uns nun befinden, genauer zu untersuchen. Schließlich folgen wir nicht mehr den Schildern, sondern dem Lautstärkepegel; der Hörsaal A kocht. 

Etwa zweihundert Studenten sitzen hier, dicht getränkt, mit Pizza und Bier und beobachten drei weißgekleidete Chemiker, die lauter Explosionen bewirken; es knallt und pufft, die Chemiker lachen und es herrscht eine ganz berauschende Atmosphäre.
Kawumm: Eine zaghafte Wolke  ist alles, was bleibt
Wir haben Glück und ergattern einen Sitzplatz in der letzten Reihe. Schon jetzt vermerke ich eine absolute Reizüberflutung; so viele Eindrücke, die es zu verarbeiten gilt, so viele Dinge, die ich vorher noch nie gesehen habe. Doch es kommt noch besser: während wir langsam wieder zu Atem kommen, erklären die drei Praktizierenden ihr nächstes Vorhaben: im Rahmen des Themas Hören, Riechen, Sehen wollen sie mittels der Chemie verschiedene Sinne ansprechen.  „Wir werden jetzt versuchen, den Duft eines frisch gebratenen Steaks herzustellen“, erklärt einer von ihnen und die studentischen Reihen jauchzen. Es dauert ein wenig, bis der Duft dank eines Ventilators bei uns angekommen ist; zu unserer Enttäuschung riecht es eher nach zu vielen verbrannten Zwiebeln und Popcorn. Was Chemie nicht alles kann.
Im Laufe ihrer Vorführungen zünden die Drei ein Gummibärchen an und lassen Flüssigkeiten leuchten; ein Feuerball explodiert und Wunderkurzen fangen an, lustige Geräusche von sich zu geben. Ich bin mir nicht sicher, auf welche Weise man diesen Abend am besten verbringt: als Chemiker, der die Vorgänge versteht, oder als unwissender Kulturwissenschaftler, der den Geschehnissen mit der gleichen Faszination gegenüber steht wie ein Neandertaler einem Sonnenuntergang. 

Nach etwa einer Stunde kommt das offene Versuchslabor seinem Ende entgegen; jetzt folgen Vorträge. Ich bin gespannt, - und werde nicht enttäuscht. Klaus Roth von der FU Berlin erklärt in einem fast eineinhalbstündigen Vortrag die Geschichte des Mutterkorns und seine Bedeutung für die Menschheit. Um den Bogen vom Mittelalter zu den Beatles und deren Song Lucy in the sky with diamonds bis hin zu LSD zu spannen, wagt er sich sogar in die Kunstgeschichte vor und erzählt vom Isenheimer Altar in Colmar. Vielleicht sind Chemiker und Kulturwissenschaftler doch nicht so unterschiedlich. 
Um Mitternacht verabschieden auch wir uns von der Chemie, dabei ist das Programm noch längst nicht zu Ende. Abschließend, so sagt man mir, wird wieder experimentiert. Doch mir reicht dieser erste Ausflug in die Chemie; ich bin positiv überrascht und für einen Moment fast traurig, dass ich mir Ionen, Doppelhelixbindungen oder Atome so schlecht vorstellen kann. Aber für jeden gibt es eine Wissenschaft, und für diejenigen, denen es reicht, einmal im Jahr explodierende Weingummis zu bestaunen, ja, für all diejenigen gibt es die lange Nacht der Chemie.

Donnerstag, 13. Januar 2011

[Sirigang]

Über den Spaß am Fremden

Die Feldforschung stellt einen nicht zu unterschätzenden Bestandteil im Wirken des Ethnologen dar; natürlich mag es auf den ersten Blick mühsam erscheinen, bei hoher Luftfeuchtigkeit und treibendem Schweiße Steine umzudrehen oder Menschen zu beobachten, die sich vollkommen nackt und selbstverständlich in ihrem natürlichen Lebensraum bewegen, während man selbst, gehüllt in einen eher umständlichen als bequemen Tropenanzug, das soziokulturelle Verhalten eines Volkes erforscht.
Doch das Fremde soll verstanden werden. Und der Ethnologe machte sich dies zur obersten Aufgabe. Claude Lévi-Strauss war in den Tropen, Malinowski gefiel es auf den Trobriandinseln, Alexander von Humboldt – den wir vielleicht nicht als Ethnologen betrachten würden, der jedoch essentiell zur Feldforschung beitrug – weckte mit seinen Beobachtungen und Aufzeichnungen zu Forschungsreisen in die USA, Lateinamerika und Asien als „zweiter Kolumbus“ das Interesse der Wissenschaft am Fremden.

Ein weites Feld: Lévi-Strauss in Brasilien
Wir alle haben schon einmal Feldforschung betrieben; doch wir nennen es Urlaub. In fremden Ländern, - ob europäisches Ausland oder tatsächlich "weiter weg" - werden wir zum Beobachter; es fängt möglicherweise mit einer fremden Sprache (also einer offensichtlichen Unterscheidung)  anund endet im totalen Chaos, sobald Menschen mit den Köpfen nicken und "nein" meinen. Wir deuten, überlegen, verstehen nicht, deuten erneut und beginnen über die Unterschiede nachzudenken oder uns zu ärgern. 
In Frankreich isst man gerne Froschschenkel, hierzulande nicht. In Italien liebt man laute Orte, in Deutschland beklagt man sich gern darüber. In Nicaragua zählt eine Familie 10 Kinder. In Deutschland 1,43. Ich wurde oft gefragt, ob wir in einem sehr kleinen Land leben oder ob die Deutschen sich nicht lieb haben. 
Es ist diese Andersartigkeit, von der unsere Welt lebt. Es gilt, beides zu entdecken. 

Nun könnte man meinen, in einer Welt der digitalen Möglichkeiten sei so etwas wie Feldforschung schon längst überholt, viele Kulturen seien bereits längst entdeckt, und die Ethnologie als Wissenschaft sei allemal ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Ist in dieser Disziplin nicht bereits alles gesagt?
Nein. Ganz eindeutig: nein! Denn die Ethnologie lebt von der Ethnographie, der Beschreibung also, den Aufzeichnungen und Entdeckungen der Ethnologen. Und je dichter die Ethnographie – je mehr Aufzeichnungen ergo vorliegen -, desto dichter ist die Ethnologie. Eine Kultur lässt sich nicht anhand eines Satzes oder zweier Aufsätze beschreiben; sie verlangt mehr von uns. Sie verlangt viele Ethnologen, die Unterschiedliches oder auch Gleiches beobachten und niederschreiben. Denn eine vollkommene Ethnologie gibt es nicht; wir sprechen hier nämlich von einem Wesen, das es wahrscheinlich als wenig schmeichelhaft empfindet, wenn man behauptete, man hätte es entdeckt, erforscht, verstanden - und könne dies alles in einem einzigen Bericht fest halten. Der Mensch ist gern komplex.  
Eine schöne Wissenschaft ist sie also, die Ethnologie, denn demnach ist (zumindest theoretisch) Platz für alle da.

Argonaut des westlichen Pazifiks: Malinowski
Doch wozu die Überlegungen?
Dass Feldforschung Spaß macht, dass wir als Ethnologen, aber auch als Menschen, an der Andersartigkeit der Welt Freude und Gefallen finden können, wurde am vergangenen Dienstag in schönstem Maße demonstriert: Die Ringvorlesung „Religion und Humor“ erreichte unter Leitung von Mark Münzel ungeahnte Dimensionen, - man könnte auch von einem heimlichen Höhepunkt sprechen; der ehemaliger Marburger Professor für Völkerkunde berichtete einem völlig gebannten Hörsaal voller Studenten von Mythen und Sagen und deren alltäglicher Erscheinung im Leben der Indianer im brasilianischen Regenwald. Er sang, hüpfte und kommentierte - und der Spaß an dieser lebendigen Beschreibung des Fremden war sowohl anwesenden Dozenten wie auch der Studentenschaft deutlich ins Gesicht geschrieben. 

Samstag, 8. Januar 2011

Wasser, Wasser, - und noch mal: Wasser

Sicher ist sicher
Unsere kleine Stadt befindet sich in einer Zeit der Extreme; zunächst machte der Schnee – nun mancherorts schwarz und fester als Stein – das Vorankommen beinahe unmöglich; jetzt ist es das wahrhaft gewaltige Hochwasser, das in diesen Tagen die Lahn hinuntertreibt.
So manch einer mag sich ärgern, während andere hingegen eine ganz besondere Art der Vorsorge trafen. Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen, dachte sich wohl auch der Besitzer dieses Fahrrades, das auf simple Weise sowohl vor Diebstahl als auch vor den reißenden Fluten des Flusses sicher ist.
Chapeau für so viel Einfallsreichtum.