Samstag, 27. November 2010

Reading Week: Eine Woche voller Bücher

Und einen weiteren Grund gibt es, weshalb es sich durchaus lohnt, Ethnologie zu studieren. Wobei das Glück diesmal nicht allein die Ethnologen, Anthropologen oder Religionswissenschaftler trifft, sondern alle diejenigen, die sich dem Fachbereich 03 verschrieben haben, - freuen dürfen sich ergo alle Philosophen, Friedens- und Konfliktforscher, alle Soziologen und Politikwissenschaftler. Im Grunde all jene, die oft schon mit bösen Vorurteilen beworfen wurden.
Ob die anstehende Reading Week diese Vorurteile wirklich entschärft, ist eine andere Sache; und dennoch lobe ich mir meinen Fachbereich nicht nur wegen der freien Zeit - man schenkte uns eine ganze Woche! -, sondern einzig und allein bereits für den wahnsinnig lebensnahen Gedanken, eine Woche innerhalb des Studiums zu räumen, in der man tatsächlich einmal zum Lesen kommt. 

Hier wird der Mensch noch verstanden. 
Die Idee dazu stammt aus England und kommt irgendwie genau zum richtigen Zeitpunkt. Gut, dass es so etwas in Marburg gibt. So haben wir nun genug Zeit, das geschriebene Wort zu huldigen. 

Als ich meinen Mitbewohnern von meinem Glück berichte, ernte ich die Kommentare, mit denen ich irgendwie gerechnet habe; doch dass die Reading Week nicht zum Reisen gedacht ist, versteht sich wahrscheinlich von selbst; und dass sie in den Mitgliedern anderer Fachbereiche ein wenig Neid schürt, wohl ebenso. 

Donnerstag, 25. November 2010

Ethno, Anthro, Religio - wieso, weshalb, wozu?

Dem aufmerksamen Leser meines Blogs mögen sich nach all dem Tohuwabohu, nach all dem Hin zur Weisheitslehre und dem Her zur Friedens- und Konfliktforschung einige Fragen stellen; man weiß, dass ich ein Problem mit dem Exportmodul der Philosophie habe; man weiß, dass die Riesengermknödel der Mensa in meinen Augen gut abschneiden; man weiß, dass die Orientierungseinheit Spaß gemacht hat.
Aber was mache ich eigentlich als Hauptfach?        
Was ist das, Ethnologie? Was tut er eigentlich, der werdende Anthropologe? Was macht die Religionswissenschaft bei all dem? Und wo will ich hin, mit dieser Kombination?

Hermeneutik: Alles nicht so einfach, wie man denkt. 
Meist klärt eine Antwort meinerseits nicht wirklich auf, sie endet in einer offenen Fragerunde, mit der niemand tatsächlich gerechnet hat. Wenn ich nämlich sage, dass ich Vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft studiere, dann ernte ich  hauptsächlich Fragezeichen und manchmal wird das anschließende Fragen privater als man denkt; ob ich denn religiös wäre, dass ich etwas Derartiges studiere?
Nun, da kann man sich fein rausreden, denn das ist an dieser Stelle vollkommen nebensächlich; nebensächlich, weil es sich um Religionswissenschaft und nicht um Religionslehre handelt; die Kluft zwischen diesen beiden ist erstaunlich groß, - und auch lustig. So findet sich in meinem Stundenplan zum Wintersemester eine gut besuchte Ringvorlesung zum Thema Religion und Humor.
Warum lacht er, der Buddha? Und darf der Christ denn lachen? Auf welche Weise festigt sich Humor in Religionen? Auf verschiedenen Ebenen wird das Lachen aus verschiedenen Religionskulturen beleuchtet, und ganz zum Schluss wird stets ein Witz von Seiten der Studentenschaft vorgetragen. Langweilig – oder gar trocken – ist etwas anderes. 
 
Wer dachte, dass unser Alltag mit all seinen gar automatischen Abläufen selbstverständlich sei, der befasse sich einmal mit der Hermeneutik. Hier wird entziffert, und alles, was uns a priori einleuchtete, erscheint auf einmal fremd. Weshalb gelingt es uns, eine IKEA-Anleitung zu verstehen? Welcher kulturelle Hintergrund ist von Nöten, um unser tägliches Treiben so zu verstehen, wie wir es tun? Warum macht es uns Probleme, wenn man in anderen Ländern als Zeichen der Zustimmung den Kopf schüttelt?
Der Mensch ist ein Meister der täglichen Deutung, ohne es zu wissen.Umso unterhaltsamer und spannender ist es, das zu hinterfragen, was man nicht zu hinterfragen gedenkt; und so übertrieben es klingen mag, - doch mit einem Male betrachtet man vieles anders. 

Ethnologie macht Spaß
Möglicherweise wird unser Studiengang unterschätzt, - oder zumindest der Werdegang eines Ethnologen oder Anthropologen. Denn es hat gar nicht so viel mit ödem Büffeln und Auswendiglernen zu tun, wie die meisten denken mögen; unser Fach erlebt man am besten hautnah, und so erklärt sich auch eine im Frühjahr anstehende Exkursion in die Extremadura, wo wir uns in einer kleinen Gruppe über den heutigen Zustand der von Luis Bunuel 1932 dargestellten Hurdes überzeugen werden. Ethnologie lohnt sich also, das Studium bietet einiges. 
Seminare zu Themen wie Integrationsdebatten, Jugendliche und Religion ("Von Jesus-Freaks und Pop-Muslimen"),  Wetter, Klima und Kultur oder Kino und Politik zum Beispiel. Ein anderes Seminar zum Thema Genozid hingegen lässt uns oft fassungslos zurück, wenn man anhand eines Textes erfährt, wozu der Mensch fähig ist. 
Es sind kulturtheoretische Zugänge, die uns hier eröffnet werden; es geht darum, im Bezug auf Begriffe wie Ethnizität oder Stamm sensibilisiert zu werden und ihren Gebrauch zu kennen.

Gut drauf: Buddha
Aber, was wird hier erklärt? Wenn ich meinen Bachelor beendet haben werde, - als welche Art von Fachmann werde ich die Uni verlassen?
Die Antwort klingt platt, und doch, - es geht um den Menschen. 
Er wird erklärt, jedoch anders als in der Medizin oder der Psychologie. Nämlich in historischem, in gesellschaftlichem und in kulturellem Kontext.
Natürlich kann man mit einer derartigen Erklärung nicht alle für sich gewinnen; meine Mitbewohner stellen schon lange keine Fragen mehr; meine Begeisterung für die Anthropologie, für die Ethnologie und für die Religionswissenschaft auf einen Mathematiker oder einen durchaus beratungsresistenten Chemiker zu übertragen, ist ein Projekt, das womöglich zum Scheitern verurteilt ist. Aber das ist nicht schlimm; jeder soll das studieren, was er für richtig hält; und für mich gibt es keine Alternative, keinen anderen Studiengang, der mich dermaßen interessiert. Da ist die Frage nach dem „wohin damit?“ ebenso nebensächlich. 

Bildnachweise: IKEA: jetzt.sueddeutsche.de; Buddha: topanien.com;

Donnerstag, 11. November 2010

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Ein Selbstversuch, Teil I


Auf diesem stetig steilen Weg zur Wissenheit kann man auch mal hungrig werden. Und so befasst sich der heutige Artikel mit dem Speisen, mit der Esskultur des studentischen Daseins. 
Kochen wir tatsächlich nur Nudeln mit Tomatensoße oder Tütensuppen à la Knorr? Döner und Pizza auf die Hand? Und welche Bedeutung stellt der Preis?
In den ersten drei Wochen meines Studentendaseins ernährte ich mich beinahe ausschließlich von Schokolade. Unglücklich machte mich das nicht; und doch wurde mir von vielen Seiten nahegelegt, ein wenig Vielfalt zuzulassen. Keine Angst vor Veränderungen; den Spaß an der Abwechslung entdecken. 
Abwechslung bietet die Mensa am Erlenring ganz gewiss. Jeden Tag werden mindestens drei verschiedene Gerichte angeboten; und so ist scheinbar für jeden etwas dabei, denn auch hier gilt: Geschmäcker sind verschieden.

Menu 2: Alles Quark.
An diesem heutigen Donnerstag ist die Mensa stark gefüllt. Es ist 12.30 Uhr und die Masse (wissens-)hungriger Studenten gönnt sich eine Pause. Auch wir sind hier.
Angetrieben, von dem verlockenden Gedanken, dass es Pudding geben möge, - und dem ohnehin knurrenden Magen - betreten Christina und ich die Mensa; für den heutigen Tag entscheiden wir uns für die obere Mensa, die ein wenig preiswerter sei und in der man ausschließlich mit der U-Card, der Studentenkarte, bezahlen kann. 

Wir reihen uns ein in die Schlange der Essensausgabe. Beim kurzen Blick auf die geradezu menschenleere Suppenabteilung wird eine weitere Entscheidung getroffen: keine Suppe.
Denn mit der heutigen Kraftsuppe kann man mich nicht locken. Dennoch sollte man das Suppenangebot allgemein nicht unterschätzen, - man darf selbst würzen und kommt meist schneller zum Essen. 
Nun wird das Hauptgericht herausgegeben, und da wird es nun für uns interessant. Heute stehen zur Auswahl: 
- Chicken Chips in Tomatensauce, oder
- Bratlingkroketten in Dillrahmsoße, 
dazu jeweils zwei Beilagen. 
Da es sich um ein geradezu wissenschaftliches Experiment handelt, wählen wir unterschiedliche Menus; Christina entscheidet sich für die Chicken Chips, während ich die Vegetarierfreundlichkeit der Mensa testen werde und zu den Bratlingkroketten greife. Als Beilagen sind sowohl unterschiedliche Salate wie diverse Nachtischoptionen möglich. 
Begleitet werden wir zusätzlich von Kerstin, die sich für das Tagesmenu, einen riesigen Germknödel in Vanillesoße samt Beilage entschieden hat. Keiner von uns zahlt mehr als 3.00 Euro.

Platz 2: Chicken Chips in, ja, in was?
Doch der tatsächliche Test beginnt erst jetzt - und so viel sei gesagt; er spricht nicht gerade für die Mensa.
Laut Kerstins Aussage ist der Germknödel ein wenig trocken, doch die Vanillesoße und der unschlagbare Preis von 2,55 Euro beeindrucken. Hierbei sei angemerkt, dass wir vergeblich den Pudding bei den Nachspeisen suchten, und dies Christina in einen geradezu depressiven Zustand stürzte. Auch deshalb geht der Germknödel eben wegen der Vanillesoße schon recht bald in Führung.
Das Puddingmanko mag Christina als bereits enttäuschte Teilnehmerin nicht objektiv erscheinen lassen; doch keines Weges zu kritisch testet sie ihr Menu samt Reis und Salat, für das sie 2.35 Euro bezahlt hat. Der niedrige  Preis ist es schließlich auch, der sie über ihre Fehlentscheidung hinweg trösten kann. 

Fehlt einzig und allein das dritte Gericht, das mich ganze 3.00 Euro kostete; ich bin an dieser Stelle froh über die drei Beilagen, die meine Enttäuschung über die Bratlingkroketten und die begleitende Dillrahmsoße zumindest ein wenig stillen können. Der Quark als Nachtisch ist, zugegeben, nur Wunschersatz für den nicht existenten Pudding, dafür aber deutlich gesünder. 
Ein wenig frustriert sitzen wir an unserem Tisch.  
Gegenüber sitzen ein paar männliche Studenten, die sich neben dem Germknödel eine Extraportion Pommes gegönnt haben. Genüsslich tunken sie die Kartoffeln in die Vanillesoße; so schnell können food studies zu gender studies werden.  

Schmeckt auch gut zu Pommes: Riesengermknödel
Nach einer kurzen Jurybesprechung, haben wir entschieden: Gewonnen hat der Riesengermknödel in Vanillesoße für schmackhafte 2, 55 Euro samt Pfirsichen und Blumenkohl. Leicht nachzügelnd erklimmen danach die Chicken Chips das Treppchen. Ein wenig sehr weit abgeschlagen liegen die Gemüsebratlinge in Dillrahmsauce.

Doch was sagt uns dies? 
Ich werde niemandem abraten, in der Mensa zu essen, - weiß ich doch selbst, dass ich an anderen Tagen schon besser dort gegessen habe; und dass ich andernorts bereits deutlich mehr als drei Euro für ein komplettes Menu gezahlt habe. 

Das Preis-Leistungs-Verhältnis sei der Mensa für den heutigen Tag gegönnt.   
Vielleicht haben wir uns einfach den falschen Tag zum Testen ausgesucht; vielleicht waren wir auch ein wenig voreingenommen in unserem Puddingwunsch. Eines ist jedoch sicher: es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir in der Mensa aßen.
Für den nächsten Besuch gibt es von Christina einen heißen Tipp: Mehr Pudding! Sie war es nämlich auch, die sich im Anschluss eine Familienpackung Vanille-Schoko-Pudding kaufte, - und das kann ja nicht Sinn der Sache sein.

Dienstag, 9. November 2010

FuK: Die Flucht nach vorn

Gerade erst der Philosophie entkommen, schon stellt sich noch auf der Flucht eine geradezu prekäre Frage: Wohin?
Wohin fliehen?
Ich bin tatsächlich noch immer ein wenig gebeutelt, ein wenig enttäuscht, von mir und der Welt und, ja, auch ein wenig von der Philosophie. Aber das hilft mir nicht, denn es muss weitergehen. Ich muss doch Punkte sammeln. Noch immer missmutig erkundige ich mich bei den mir bekannten Kommilitonen und erfahre, dass sie ihre ECTS-Punkte im Exportmodul der Friedens- und Konfliktforschung zu ergattern gedenken. Aber nicht nur das. Man lerne über und von den Konflikten dieser Welt, man erfahre, sie zu unterscheiden und einzuordnen; und im besten Fall zu lösen.   

Schreibt zum ewigen Frieden: Kant











































Friedens- und Konfliktforschung.
Das ist ein Joker, den die Marburger Universität bereithält, und - ganz platt gesagt - ein Bonus auf dem Zeugnis. Nur an wenigen deutschen Universitäten ist das Fach, das kurz einfach nur FuK genannt wird, zu studieren; da wären noch Augsburg, Tübingen, Heidelberg. 
Und obgleich der Begriff der Friedens- und Konfliktforschung nicht jedem bekannt ist, so sei gesagt, dass man mit diesem Fach nichts falsch machen kann. Ein bisschen FuK kann gar nicht schaden.

Gleich in der ersten Vorlesung werden Schemata und Tabellen an die Wand geworfen, wir hören von Krisenherden und lernen langsam, zwischen Krieg und Konflikt zu unterscheiden; kann man bei dem Nordirlandkonflikt bereits von einem Krieg sprechen? Wo fängt Krieg an? Und ist überall dort, wo kein Krieg herrscht, automatisch Friede? Wir begegnen dabei einem alten Vertrauten, der vom Ewigen Frieden schreibt.
Da ist er wieder, Immanuel Kant.
Ein bisschen besänftigt bin ich, denn die Philosophie greift überall ein; sie ist Werkzeug und Verstand zugleich. Ein Narr, dem es gelingt, ihr zu entkommen.

Doch zurück zur Friedens- und Konfliktforschung.
Was macht sie so wichtig? Warum ist sie so gefragt?
- Weil die Krisenherde dieser Welt sich vermehren. Weil wir nach Erklärungen suchen; und weil wir Berater benötigen, die sich auf diesem Gebiet auskennen und die wir zu Rate ziehen können. Weil die Anzahl der Konflikte und innerstaatlichen Krisen ab 1945 gestiegen ist und ihren traurigen Höhepunkt in den 1990er Jahren erreichte. 

Und während wir all das hören, wird uns jedoch eine weitere Frage gestellt: Wo finden wir Frieden auf der Welt? Heute? 
Ein bisschen zaghaft wird Skandinavien genannt. Die EU. Nordamerika. Australien. Die Schweiz. Nord- und Südpol. Es fallen weitere Namen.
Wir lernen, zu verstehen.
Zwar weiß ich noch immer nicht genau, wohin ich gehe in diesem Labyrinth aus Studiengängen und Möglichkeiten, und doch habe ich mit dem Exportmodul der Friedens- und Konfliktforschung zumindest ein gutes Gefühl errungen. 
Foto Kant: uni-duesseldorf.de

Freitag, 29. Oktober 2010

Besser, wer fliehend entrann der Gefahr, als wen sie ereilte


Die Antike hat so manches bereits durchlebt; und man könne meinen, sie möge sich im Schatten ihres breiten Erfahrungsschatzes genüsslich ausruhen, wohl wissend, dass sie vergangen ist. Doch auch im Jahr 2010 greifen wir gerne auf sie und ihre Zeitgenossen zurück; beispielsweise auf Homer. Oder auf Vergil oder Cicero – denn scheinbar haben diese werten Herren die gleichen menschlichen Erfahrungen und Enttäuschungen erlitten, die auch wir mehr als zweitausend Jahre nach ihnen erleben; der Mensch ändert sich nicht, lediglich die Kultur, die ihn umgibt.

Zwar bezweifle ich, dass sich jene Dichter und Denker mit dem Exportmodul Philosophie im Bachelor Vergleichende Kultur- und Religionswissenschaften herumschlagen mussten, ihren Rat befolge ich – zugegeben: im höchsten Grade peinlich berührt – dennoch. 

Letzte Woche erklärte man mir noch, dass ich mit der Wahl meines Studienganges eine privilegierte Existenz führe; wenige Tage später kommt mir das gar nicht mehr so vor. Ungern bekenne ich, dass ich die Einführung der Exportmodule in meinen individuellen Stundenplan doch nicht verstanden haben kann; dass es da ganz merkwürdige Überlappungen und Widersprüche gibt. Gerade, was das Exportmodul der Philosophie angeht. Geht das nur mir so? Bin ich die einzige, die da nicht durchblickt? Ich kann (und will) es eigentlich nicht glauben. Doch die Situation ändert sich dadurch nicht, im Gegenteil: sie zieht sich hin wie Kaugummi.
Beinahe verfluche ich diese Selbstständigkeit, die das Studieren mit sich bringt – ich will, dass ganz schnell jemand kommt und mir einen Stundenplan zaubert. Doch die sechste Klasse ist vorbei. So jemand kommt nicht mehr. 


Cicero: Die wahre Medizin
des Geistes ist die Philosophie

(Bild: de.academic.ru)
Ein bisschen verwirrt sitze ich da. 
Zwar erkenne ich das Problem, doch ich stehe ratlos davor wie ein Ochs vorm Berge. Was soll ich also tun? Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Diese Stundenplanerschaffung bringt mich (und meinen Tutor Clemens) geradezu ad ultimum, um nicht zu sagen zu den finibus bonorum et malorum. Ich will das richtige tun, ohne zu wissen,  was es ist. Ist das grenzenloser Idealismus oder überspielte Verzweiflung?

In einer Umfrage zur Universitätsstatistik werde ich gefragt, weshalb ich studiere. 
Einige der möglichen Antworten sind: 
- „Ich habe gerade nichts Besseres zu tun.“ 
- „Gute Jobaussichten“
- „Wissensgewinn“ 


Die ersten beiden Antworten treffen weder auf mich noch auf meinen Studiengang zu; aber ich würde tatsächlich gerne schlauer werden, - nur wer konnte ahnen, dass mit solchen Hindernissen zu rechnen sei, dass es eine Wissenschaft für sich sei, das System zu durchblicken? Es mag einiges an der neuen Studienordnung liegen, die noch nicht jeden Fachbereich erreicht hat; es mag noch viel mehr an mir liegen, - zumindest winde ich mich geradezu verzweifelt in einem Netz aus Fragen und verstehe am Ende die Welt nicht mehr. 

Ein unschönes Gefühl.
Und während ich da sitze und mein Kopf einem Kraftwerk gleicht, stelle ich fest, dass es mich recht unglücklich macht, wie mein Dasein verläuft; und kann das das Ziel meines Studiums sein? 
Ich weiß, dass niemand glücklich oder auch nur erträglich leben kann, ohne Studium der Weisheit - erwidert Seneca. Aber der ist auch schon tot. In meinem Falle befürchte ich beinahe, dass ich in diesem Semester auch nicht mit der Philosophie glücklich werde. 
Um 12.10 Uhr habe ich meine Entscheidung getroffen. Mit erhobenen Händen ergebe ich mich und erkenne, dass hier ein Grad der Logik erreicht wurde, der mir noch verschlossen ist, - und den ich noch nicht bereit bin, zu erkennen. Ich verabschiede mich von der gelehrten Philosophie; von der Wahrheitsfindung, von Hume und der Phänomenologie. 
Natürlich schmerzt das. Man konnte sich einiges drauf einbilden. 
Doch flüchte ich mich in die Tatenlosigkeit? 
Nein. 
Ich werde mich erst einmal in meinem eigenen Studiengang umsehen - denn auch das ist möglich im Studiengang vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft. Wenn ich wollte, könnte ich jedes Semester mein Exportmodul austauschen, oder auch erst im dritten oder vierten Semester mit dem Studium eines weiteren Faches beginnen. Ich komme also wieder. Bis dahin mache ich mir meine eigenen Gedanken. 


Sonntag, 24. Oktober 2010

Kann das wahr sein? - Die erste Studienwoche in Worten

Gerade noch in Klopapier durch die Stadt gerannt, schon verschmelzen wir in der Menge mit anderen Studenten; ganz selbstverständlich sitzen wir in der Mensa oder in der BIB; natürlich kennen wir unsere Wege in die Völkerkunde, in die Religionswissenschaft und in die Europäische Ethnologie. 
Wir kommen immer pünktlich fünfzehn Minuten zu spät. 
Man nennt es das akademische Viertel, und wir, ja, wir sind hier, um Akademiker zu werden.

Aber auch, wenn uns das Unigeschehen beinahe vertraut erscheint, sind wir noch immer Erstis – und dies ist ein Dasein, das von Vorteilen, Nachteilen und bei Zeiten auch von Vorurteilen bestimmt wird. In einem vollkommen überlaufenen Seminar werden wir inoffiziell gebeten, den Raum anderen Studierenden zu überlassen bzw. unsere Wahl doch noch einmal zu überdenken; auf meiner verzweifelten Suche nach einem Raum in der Phil-Fak hakt man mich unter. Ich bin Ersti, erkläre ich ein bisschen ratlos, als ich vorm Fahrstuhl stehe, meinen Stundenplan in der Hand, mir wird vergeben und geholfen.

Hörsaalgebäude: Ein Blick nach oben
Es ist nicht das erste Mal, dass ich meine Tarnung derart schnell fallen lasse. Und mit diesem Satz schließen und öffnen sich innerhalb der folgenden Woche gleichermaßen viele Türen – metaphorischer wie tatsächlicher Natur; ein Dozent zeigt sich geradezu begeistert bei der hohen Zahl Neustudierender, andere Studenten seufzen bei organisatorischen Fragen. Ich kann es ja ein wenig verstehen; aber wer ist schon gerne unerfahren, wenn es auch noch alle wissen?

Für mich startet die Woche am Montagmorgen im Hörsaalgebäude. Mein Sitznachbar erklärt, dass es gerade renoviert wird; das ist gut, denke ich mir, wenn ich so an die Decke gucke.
Meine erste Veranstaltung an diesem Tage gehört zum Exportmodul Philosophie und es sind bis jetzt tatsächlich mehr Wissenshungrige erschienen, als ich das gedacht habe. Am Gymnasium sind die Philosophen stark in der Minderheit; an der Uni tauchen sie plötzlich in Heerscharen auf. Wo kommen sie her, all diese Philosophen?
Ich unterhalte mich mit meinem Nachbarn; über Unisport, über Exportmodule, über vieles. Doch während der Hörsaal sich langsam füllt, bleibt ein Platz frei: der Platz des Lehrenden. Und so endet mein erster Ausflug in die Phänomenologie tatenlos, - denn für heute fällt die Vorlesung aus. Es ist halb eins und für heute habe ich frei. 
Darf ich das schreiben? 
Ich vermeide es beinahe, mit meinen Mitbewohnern über meinen Stundenplan zu reden. Als Pharmazeuten, Physiker, Mathematiker und Chemiker sind sie beinahe den ganzen Tag in der Uni. Und ich? Ich habe freitags frei. Bei der Erstellung der Stundenpläne wurde mir wärmstens ans Herz gelegt, nicht mehr als zwölf Semesterwochenstunden zu verfolgen. Mit mittlerweile achtzehn Stunden erscheine ich mir – und anderen Kommilitonen - geradezu todesmutig.

Phil-Fak: Der Wahrheit auf den
Grund gehen
Während ich montags noch am Zweifeln bin, werde ich Dienstag darin bestätigt, dass doch letztlich die Qualität der Vorlesungen und Seminare entscheidet; es ist 12.15 Uhr und der Raum 03 im Block B der Philosophischen Fakultät ist brechend voll.
Hier oben ist es schöner, als man von außen vermuten könnte. Wieder füllen sich die Reihen mit Philosophen, - es geht nämlich um Wahrheit. Um die außerordentlich provokante Frage: Was ist Wahrheit? Eine Frage, die ich schon bald beinahe täglich mit meinen Mitbewohnern aufgreifen werde. Doch in der ersten Sitzung beobachte ich noch; lausche dem Dozenten, sehe mich ein wenig um und staune über die folgende Diskussion, die los getreten wird. Fast wünsche ich, ich könnte mitreden.

Mittwochabend stellt sich unser Fachbereich samt Fachschaft im Rahmen eines kleinen Sektempfanges vor; wieder tauchen neue Gesichter auf, in kleinen Kreisen unterhalten wir uns, knabbern Salzstangen und Cracker. Auf die Frage hin, was wir denn beruflich mit diesem Studiengang ansteuern können, erhalten wir eine relativ weitläufige Antwort: Alles und nichts! Eine derartige Aussage ermuntert natürlich zu Spekulationen - entmutigt uns jedoch nicht. 
Auch Donnerstag werden wir erneut darauf hingewiesen, wie breit gefächert unser Studiengang doch ist: Eine Kombination aus Religionswissenschaft, Kultur- und Sozialanthropologie und Europäischer Ethnologie ist in Deutschland, wenn nicht auf der ganzen Welt, einmalig. Und wir, neunzig Erstsemester, haben ihn gefunden. In der Einführungsvorlesung wird uns zu unserer Entscheidung gratuliert. Wir hätten Glück. Ein bisschen geschmeichelt blicken wir uns um. 
Ob das stimmen mag? Oder doch nur reine Floskel ist? Obligatorischer Satz der Begrüßung oder doch bescheidene Darstellung einer großen Wahrheit? 
Noch wissen wir es nicht. 
Aber Eines ist gewiss: dies ist der Beginn von etwas Neuem, etwas Großem. 
Und wir freuen uns darauf. 

Dienstag, 19. Oktober 2010

Orientierungswoche: Verwirrung und Spaß

Wenn es Eines gibt, das ich in der vergangenen Woche gelernt habe, dann ist es ohne Frage die Tatsache, dass Verwirrung und Spaß sehr nah beieinander liegen können; was ist in dieser Woche nicht alles geschehen?
Ich sah dabei zu, wie sich meine frischgebackenen Kommilitonen angestrengt zu zehnt in eine Telefonzelle quetschten; ich sah, wie einer von ihnen mumifiziert über die Mensabrücke düste, einzig von einem Gedanken beflügelt, nämlich eine aufblasbare Beck's-Gitarre zurück auf die Lahnwiesen zu bringen; gemeinsam lösten wir einen gordischen Knoten am Marktplatz und tanzten ausgelassen zu den Weltraumklängen von DJ Rakete.
Doch beginnen wir da, wo alles anfing.